Dark in my imagination - Januar im Zeichen von Venus im Steinbock

Dark in my imagination - Januar im Zeichen von Venus im Steinbock

Das Parkett war auf Hochglanz gebracht; die Stühle zurechtgerückt und die Arrangements auf den Tischen platziert. Die Band probte in einer Ecke des Raumes, während an der anderen Ecke die Kellner ihre letzten Instruktionen erhielten. Heute musste alles perfekt sein. Heute durfte nichts; rein gar nichts schiefgehen. Schon seit dem Dienstbeginn verspürte May-Ann die angespannte Stimmung; selbst ihr bester und liebster Kollege, der neue Koch im Team des Hotels, war zu keinem einzigen Scherz aufgelegt.

Konzentriert gingen alle die bis zum Erbrechen einstudierten Schritte durch. Niemand wollte seinen Job oder nicht schlimmer seinen Kopf an diesem Abend verlieren. Mary-Ann strich mit ihren Händen eine der weißen Tischdecken glatt. In wenigen Stunden würde hier unzählbar viel Geld in Person stehen. Bänker, Manager, Politiker und Broker präsentierten ihre materiellen Werte, ihre Frauen und ihre Geldbörsen. Hier wurden Deals geschlossen, das Geschehen der Stadt und der unmittelbaren Umgebung bestimmt.

Und sie alle erwarteten den ganz Großen. Den Mann, der ihnen alle einen Schauer über den Rücken jagte. Seine Erscheinung ließ den millionenschwersten Mann um sein Leben winseln, denn Rex Diviano war die Perfektion in diesem Business. Er, der ganz offen gesprochen, die größte Untergrundorganisation der Stadt anführte, konnte sich nach wie vor mit einer reinen weißen Weste unter den Normalsterblichen präsentieren. Er, der keine Angst vor dem Tod hatte, konnte feilschen, beeinflussen und Spielchen spielen wie kein anderer vor oder nach ihm.

Auf diesen Mann hatte es Mary-Ann abgesehen. Sie, eine einfache Aushilfe wusste, dass Rex Diviano sich immer sehr gern von jungen hübschen Frauen um den Finger wickeln ließ. Er mochte Ästhetik und schätzte die Kunst der Verführung an gefallenen Frauen, die nichts mehr zu verlieren hatten. Es gab unzählige Gelegenheiten um jene Damen einzusetzen, damit sie dafür sorgten, dass er seine Geschäfte zu seinen Gunsten abschließen konnte. Eine ihrer Kolleginnen behauptete, dass mindestens die Hälfte der Frauen an diesem Abend unter seiner Hand arbeiteten.

Mary-Ann wollte eine Diviano werden, zur Familia gehören, ein Teil bis zum Tod werden. Nur dort sah sie noch einen Sinn um sich irgendwie an denen zu rächen, die ihr das nahmen, was sie einst eine Familie nannte.

Als sie sich zurückzog, kamen schon die ersten Gäste in den großen Saal des Hotels eingeströmt. Mary-Ann würde sich ein schickes Kleid anziehen, welches sie sich ‚ausgeliehen’ hatte und einfach mit unter die Menge schieben. Auffallen würde sie dort nicht groß, solange sie es nicht wollte. 

Gedämpftes Gemurmel drang an ihre Ohren, während sie den langen Flur entlangging. Das Kleid schimmerte in dem gedämpften Licht in einem sinnlichen dunkelblau, während sie ihre blonden Haare kunstvoll zu einer Hochsteckfrisur drapiert hatte. Mit einer Clutch und funkelndem Schmuck ausstaffiert, ließ sie am Rande der Menge ihren Blick aus grünen schwarz umrahmten Augen schweifen.

Einige Männer tummelten sich am Buffet. Sie zählte sage und schreibe drei Frauen unter über 50 Männern, die selbst eine Firma leiteten. Sonst schmiegten sich nur bildschöne Damen an die Anzugträger und bezirzten diese auf sehr subtile Art und Weise. Mary-Ann schluckte entschlossen bei diesem Anblick. Sie würde das heute durchziehen. Entweder ihr Leben verlieren oder bei den Divianos einsteigen.

„Du willst das wirklich durchziehen?“, hörte sie plötzlich eine Stimme neben sich. Scharf zog Mary-Ann die Luft ein, sprang ein Stück zur Seite und lächelte schließlich Jeremy erleichtert an. Beruhigend legte sie ihre zitternde Hand auf seinen Unterarm.

„Das wird alles Gut werden.“

„Klar, indem du in eine der gefährlichsten Gruppierungen der Stadt einsteigen willst.“ 

Mary-Ann senkte den Blick. „Immerhin gibt es Reichtum. Schau’ sie dir doch an...“

„Findest du, dass sie glücklich wirken?“

Zweifelnd betrachtete Jeremy das Schaulaufen vor seinen Augen. 

„Darum geht es nicht. Jeder muss seinen Platz auf dieser Welt finden.“

„Du spielst mit dem Feuer.“

Mary-Ann zog die Schultern nach hinten, reckte das Kinn nach oben und straffte ihren grazilen Körper. „Ich will schließlich nicht in diesem Hotel versauern...sondern die Welt regieren.“

Und mit diesen Worten ließ sie Jeremy stehen.

 

Der Regen prasselte auf die Straßen nieder. In der Dunkelheit glomm eine Zigarette auf und der Rauch stieg hinauf. Die schwarzen Schuhe rollten sich über den Asphalt, auf dem sich verschwommen die Lichter der Laternen spiegelten. 

Den letzten Zug nehmend, warf er aus den kleinen braunen Augen einen Blick auf das Hotel. Schmunzelnd schob er den Rauch über seine schmalen Lippen, schnippte die Zigarette zur Seite auf den Boden und lief weiter. Mit Absicht ließ er sich nicht direkt vor das Hotel fahren, sondern ging mit seinem Leibwächter Juan einige Schritte an der frischen Luft um die alten Geschäfte aus dem Kopf und die neuen Geschäfte in den Kopf zu bekommen.

Vor den Stufen zum Eingang nickte Rex unmerklich für die umstehenden, sodass Juan den Schirm zusammenfaltete und zur Seite trat. Seinen Arm einer jungen Frau, die bereits an den Stufen gewartet hatte, anbietend, geleitete er sie hinauf zum Hotel.

„Wunderbar siehst du heute aus“, gab er ihr ein sanftes Kompliment mit leiser Stimme, beugte sich dabei leicht zu ihr um das Parfüm einatmen zu können. Eine perfekte Komposition zu ihrer Erscheinung. Jennifer gehörte auch zu jenen, die ihren Platz in der Famiglia kannte und genau wussten wie schnell man diesen auch wieder loswerden konnte. Und so schritt sie mit Rex die Stufen im Gleichklang hinauf. Stufe um Stufe um Stufe wie sie ihre Karriereleiter erklommen war. Immer mit dem zarten Hals unter der Klinge des Schafottes. Man gewöhnte sich langsam daran, jeden Tag von Neuem kämpfen zu müssen. Das war schlussendlich zu ihrer Persönlichkeit geworden.

Und so hatte sie schon viele, unendlich viele, süße Träume zerstören müssen. Süße Träume junger Mädchen, die versuchten zur Famiglia zu gehören und im Angesicht des Todes sich erst gewahr wurden, welchen Pakt sie in ihrer Gier nach all den äußeren schönen Dingen abgeschlossen hatten. Verirrte, junge Dinger, die sie direkt in den Abgrund stoßen musste.

 

Die Meute hielt die Luft an, sobald Rex Diviano den ersten Schritt in den Flur trat. Die Kellner wandten sich herum, und auch die Gespräche schienen in dem großen Saal einfach zu verebben. Eine eisige Stille legte sich in den Raum und auch Mary-Ann wusste, ohne ihn zu sehen, dass er da war. Sofort kroch ihr die Gänsehaut über den Nacken entlang. Wie ein Schreckgespenst schien der Dämon des Italieners seinen Schatten vorauszuwerfen. Sie konnte beobachten wie jeder versuchte sich aus seiner Starre zu lösen, um Rex als erstes den Speichel auflecken zu können. Wie schnell man seine ach so wichtige Persönlichkeit und seine Prinzipien vergaß, wenn es einem an den Kragen gehen konnte; wenn es darum ging sich gut zu stellen oder man verlor alles...alles, woran man sich klammerte und definierte. Das Sprungbrett nach oben oder nach unten war bei Rex Diviano und nirgendwo anders zu finden. Wie weit konnte Mensch sich eigentlich erniedrigen? Diese wie auch viele andere Gedanken gingen Mary-Ann durch den Kopf, während sie im sicheren Schatten wartend, beobachtete wie Rex Diviano mit seiner Begleitung durch die Menge Schritt.

Die ersten begrüßten den Italiener freundlich mit Händedrück und fast unterwürfigen Verbeugungen. Und auch die Damen schienen entzückt zu sein. Erstaunt stellte Mary-Ann fest, dass man bei keiner Frau bemerkte, ob sie nun selbst aus der Famiglia stammte oder nicht.

Mary-Ann fasste sich ans Herz und näherte sich vorsichtig dem mächtigen Mann. Er strahlte eine väterliche Ruhe, Unnahbarkeit, Kälte und noch etwas anderes aus. Schwärze, Dunkelheit. Er weckte in ihr den Wunsch darin zu versinken. Sie blinzelte. Zwischen ihren Wimpern erschien das Bild eines großen riesigen Hirsches mit einem stolzen Geweih, der zwischen den Menschen stand. Sie blinzelte wieder und duckte sich direkt weg als ihre Blicke sich trafen. Ob er das witterte?

Angst? 

Ja, er witterte es. In dem Augenblick, in dem er in der Mitte des Raumes angekommen war, scannte er die Umgebung ab und erkannte Mary-Ann, die ihn beobachtete, ohne sie direkt anzusehen. Er spürte deutlich die feinen Schwingungen der Unsicherheit, der Neugierde und vor allem der verdammten Gier, die sie aussendete. Doch, bevor er sich mit ihr näher auseinandersetze, musste er noch einige Hände schütteln.

 

Sie kämpfte mit sich. Als würde sie immer wieder gegen eine Wand laufen, kam Mary-Ann nicht näher als drei Tische, verdeckt von mehreren Männern, an Rex Diviano heran. Sie klammerte sich an der Clutch fest; beinahe wie ein verirrtes Mädchen. 

Als sie bemerkte, dass Rex nicht mehr neben Jennifer stand, war es bereits zu spät. Sie spürte seine vibrierende Präsenz direkt hinter sich. Eine Mischung als würde unendliche Dunkelheit sie umfangen, auffangen und gleichsam niederreißen. „Nein“, schoss es ihr durch den Kopf, denn sie wusste, dass sie seine Aufmerksamkeit unwiederbringlich auf sich gelenkt hatte. Er sagte nichts, sondern stand schweigend hinter ihr; versetzt um keine Unannehmlichkeiten heraufzubeschwören. Rex war ein Verfechter der Etikette und des bestechlichen Intellekts. Man konnte davon ausgehen, dass jede dieser Frauen, die in diesem Saal für ihn arbeiteten, kluge Köpfchen waren, die sich in die jeweiligen Themengebiete ihrer Opfer hineinfuchsen konnten. Rex hob den Blick von Mary-Anns Nacken hoch zu Jennifer. Diese betrachtete das Gesicht, der jungen Frau, die bereits von dem mächtigen Geweih des Hirsches durchbohrt zu sein schien. 

„Wie kommt es, dass die Hotelangestellten mitfeiern dürfen?“, fragte der Diviano schließlich leise mit einem eigentümlichen Dialekt. 

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Mary-Ann und versuchte das ehrfürchtige Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. 

Nun beugte sich Rex direkt zu ihrem Ohr hinab. Sein warmer Atem streifte ihr Ohrläppchen und eine wilde Gänsehaut jagte ihren Nacken hinab. „Jede dieser Frauen, die du dort siehst, kenne ich“, raunte er ruhig. „Vom Scheitel bis zur Sohle und wieder zurück.“ Auf seinen schmalen Lippen nistete sich ein minimalistisches Lächeln ein. „Und was veranlasst dich dazu, ein hübsches Kleid zu tragen, anstatt zuhause den Feierabend zu genießen?“

Er richtete sich wieder auf, legte seine Finger um ihr Handgelenk um sie zu sich drehen und zu ihr zu gehen. Mary-Ann kniff die Augen zusammen, öffnete diese schließlich langsam und starrte Rex an. Er lächelte auf sie hinab. Gütig, Ruhe ausstrahlend. Wie konnte das sein? Seine kleinen braunen Augen funkelten amüsiert, während seine Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen waren. In dem etwas längeren braunen Haar funkelten einige grauen Strähnen in dem Licht des Saals. Eine Narbe zog sich über sein rechtes Auge. Sicherlich kein Unfall oder kein Unfall, den man im normalen Leben erlitt. Zum zweiten Mal an diesem Abend straffte Mary-Ann ihren Körper. 

Fragend, da sie noch keine Antwort geliefert hatte, hob er beide Augenbrauen an. „Ich möchte wissen, welche Gegenleistungen Rex Diviano erwartet, um den Schutz der Famiglia erhalten zu können?“

Rex schmunzelte, während seine Finger das Champagnerglas aus dem Tisch drehten. „So, so...reicht dir das hier in dem Hotel nicht mehr?“

„Nein.“ Nun hing Mary-Ann schon in seinen Fängen. Was konnte sie noch verlieren? Er würde sie ganz sicher nicht gleich hier umbringen.

„Was kannst du der Famiglia bieten, um ihren Schutz fordern zu können? Deinen Körper? Deine Verführungskünste?“ Er deutete an ihr vorbei mit der Hand auf die Frauen in den Saal. „Davon habe ich sehr viele.“

Mary-Ann bedeutete ihm, sich herunterzubeugen, legte eine Hand in seinen Nacken und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Und während sie das tat, suchte Rex den Blickkontakt zu Jennifer, die mit dem Kopf schüttelte. Ein leises Raunen verließ seine Lippen.

„Wir werden sehen“, erwiderte er, legte seine Hand nun an ihr schmales Kinn und sah ihr lange in die Augen. So sehr sie sich auch verschließen mag; er konnte in ihr lesen wie ein offenes Buch. Von einer zerstörten Kinderseele und der darauffolgenden Kompensation und Verdrängung durch vielen Sex, selbst auferlegten Liebesentzug und einer unbändigen Wut gegen sich selbst. Er konnte durch die ganzen aufgelegten Facetten tief in den Kern blicken, den er sich nahm um ihn zwischen seinen Finger zu zerquetschen.

 

Er ergriff ihre Hand mit den Worten, dass sie sich näher unterhalten müssten und führte sie hinauf. Die Stufen weiter hinauf. In ihr Verderben. Auf der Mitte der Treppe ließ er ihre Hand los, ließ sie vorgehen, legte seine Hand schließlich an ihre Lendenwirbelsäule und baute so eine ständige Verbindung zu ihr auf.

Und sie liefen weiter und weiter hinauf bis zu dem langen Flur, von dem einige Zimmer abgingen. Sein Schatten legte sich über den ihren, verschmolz schließlich und wurde zu einem riesigen Hirsch. Schweigend führte er sie in ein Zimmer hinein. Mary-Ann trat hinein und als sie das Schloss klacken hörte, rann ihr der Schauer kalt über den Rücken. Sie hatte einen Fehler gemacht. Einen unverbesserlichen Fehler. Gedämpft vernahm sie die Schritte auf dem Teppichboden, spürte ihn wieder hinter sich stehen und kaum, dass sie einen Atemzug lang weiter bereuen konnte, wohin ihre Gier sie gebracht hatte, glitt die scharfe Klinge über ihre Kehle. Ein erschrockenes Glucksen verließ die Stimmbänder, welche vom Blut überquollen wurden. Rex wartete geduldig bis auch das letzte Zucken aus ihrem Körper verschwunden war und bettete schließlich die junge Frau sanft auf dem Boden. Mit regungslosem Blick wusch er sich die Hände, warf einen Blick in den Spiegel und sah den Hirsch hinter sich stehen. Die braunen Augen wanderten zum Waschbecken, wo das Blut vom Wasser verdünnt im Ausguss verschwand. Tief, unter einer dunklen Schicht vergraben, schloss er den Vorfall ein, trat über die Leiche zum Schrank um den Anzug zu wechseln. Es war von Vorteil, wenn einem das Hotel gehörte. Und so band er sich vor dem Spiegel die schwarze Krawatte, trat wieder hinaus in den Flur und schloss leise die Tür hinter sich. Einen Blick hinab in den Saal werfend, schob sich sein langer Schatten abermals vor ihn entlang und über die Köpfe der Menschen hinweg. 

Und manch einem kam es so vor als würde das Blut die Treppen über den Flur hinabfließen. Jeremy trat aus der Küche hinaus. Er hatte gesehen wie Mary-Ann mit Rex die Treppen hinaufgegangen war, doch es reichte aus, dass der Diviano ihn direkt anblickte und lediglich den Zeigefinger sanft lächelnd auf die Lippen legte. 

„Wo ist sie hin?“, fragte Jennifer als sie Rex das Champagnerglas herüberreichte. 

„In der Gier verliert man den Blick für Fußstapfen, die einfach zu groß sind.“

 

BildKunst: by Ellen  - Bilderquellen unsplash

 

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