Ein mutiges Herz

Ein mutiges Herz

Die weiten Ebenen erstreckten sich bis an den Horizont und verschmolzen mit der gleißenden Sonne. Ein schummriges Orange-Rot, welches sich dem Betrachter präsentierte. Der blonde Mann kniff die Augen zusammen, schirmte das Gesicht mit der Hand ab. Viel mehr würde er dadurch jedoch auch nicht zu sehen bekommen. Mit einem leisen Brummen, drehte er sich von dem Schauspiel weg und wischte sich den Staub der Steppe von der Stirn. 

Selbst zum Abend stand die Hitze flirrend um die Zelte herum als würde sie diese einfach wegbrennen wollen. 

„Jericho...“ Die Stimme drang weit entfernt an seine Ohren. „Dr. Spair!“ Der Schweizer hob die eisblauen Augen und durchdrang mit dem ebenso eisigen Blick die junge Frau, die sich vor ihm aufgebaut hatte. Viel zu nahe für seinen Geschmack, sodass er ein Stück zur Seite rutschte um etwas Abstand zwischen sie zu bekommen. Es war ja nicht so, dass er weibliches Fleisch verschmähte, doch bitte nur dann, wenn er darauf Lust hatte und nicht so ungefragt. Wortlos fingerte er eine Zigarette aus seiner Hosentasche. 

„Die Frau wird bald da sein.“

„Aha...“, kommentierte der Arzt knurrig, schob sich die Zigarette zwischen die trockenen Lippen und zündete diese an. Ein Seitenblick zur Assistentin, die ihm erwartungsvoll ein Loch in die Schläfe starrte. „Was denn noch?“

„Na, wollen Sie nicht zur Besprechung mitkommen?“

Jericho rollte an der Zigarette ziehend mit den Augen. „Was gibt es denn zu besprechen? Bauch auf, Baby raus, Bauch zu.“ Er zuckte mit den Schultern. 

Marietta warf verzweifelt die Hände in die Luft. Jedes Mal verzweifelte sie an der schroffen und verschlossenen Art des Mannes, der leider nicht nur ihr Chef, sondern auch noch einer der besten Chirurgen, die sie für dieses Gebiet gewinnen konnten, war. 

Damals, so erzählte man sich, nach dem Genozid in Ruanda, wurde er eiskalt. Es gab Geschichten, die in ihren Ohren wie eine Saga klangen, von einem Jericho Spair, der lachen konnte; der Scherze machte und sich amüsieren konnte... und nun?

So ein festgefahrener, grantiger, gut aussehender Kerl, den niemand mit der Kneifzange anfassen wollte. Missmutig stampfte Marietta zu den Zelten zurück. Sie spürte deutlich die kalten Augen in ihrem Nacken, drehte sich jedoch nicht mehr um. 

Jericho blies den Rauch in den Himmel, der allmählich von der Dämmerung vereinnahmt wurde. Diese Aufregung. Entweder schafften sie es oder eben nicht. Entweder würden sie heute ein neues Leben begrüßen oder eben nicht. Als würde er sich das selbst beweisen wollen, zuckte der Arzt mit den Schultern. Gleichgültigkeit auf höchsten Niveau. Dabei wusste er...er funktionierte nur, weil der Rest um ihn herum funktionierte. Unausgesprochen wurden sie dazu gezwungen, miteinander zu arbeiten für einen höheren Sinn. Nämlich Menschen zu helfen, die dringend Hilfe benötigten, da sie in einem zerrütteten, zerstörten Land lebten, das nicht mal in der Lage war sich selbst zu helfen...wie auch, man ließ es ja nicht.

 

Leise ein Lied vor sich her summend, war genau das auch der Grund, warum Jericho sich doch noch zur Besprechung einfand. Er konnte ja nicht immer den Spielverderber mimen. Zumindest nicht in diesem Punkt. Als er das Zelt betrat, standen bereits der Anästhesist, der Gynäkologe und die Assistenten versammelt um einen Tisch herum, um das Vorgehen zu besprechen. Sein Blick streifte den seines besten Freundes, wenn man Jack denn seinen Freund nennen konnte. Jericho und Jack. Glaubte man Letzteren, so war Jericho daran schuld, dass Jack mittlerweile ohne Frau und mit einer missmutigen Teenagertochter allein dastand.

 

„Findest du dich auch mal ein?“, fragte Jack und verschränkte die Arme vor dem Brustkorb. Der Anästhesist hasste und mochte Jerry in einem Atemzug. Er fühlte sich ihm durch das gemeinsame Erlebnis in Ruanda verbunden und hasste ihn für alles, was er ihm entgegen schleuderte und, dass er seine Familie auseinander trieb, wobei Jack selbst seines dazu getan hatte, indem er immer wieder mit Jericho auf Reisen ging um den Menschen zu helfen...nur bei der eigenen Familie versagte er kläglich.

 

„Klappe“, knurrte Jericho und nahm die Akten in seine Hand. Er blätterte durch ein Portfolio an Mangelernährung, Sorge und Angst sowie drei Schwangerschaften, die vorzeitig ihr Ende fanden. Jericho kräuselte die Lippen. Mit einer Hand tastete er nach den Zigaretten, fand sie jedoch nicht und ballte die Finger zu einer Faust. Er hatte es mal versucht in einem normalen westlichen Krankenhaus zu arbeiten...es endete damit, dass er einem Patienten mit einer blutenden gebrochenen Nase die Behandlung verweigerte, weil ihm das zu einfach war. 

 

Die Akte landete klatschend auf dem Tisch. Der leere Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht bis er schließlich an einer Liste hängen blieb auf der schon sämtliche Dosierungen der Narkosemittel und Antibiotika notiert waren. „Wie steril sind wir?“, fragte der blonde Schweizer mit seiner Reibeisenstimme. 

„So steril wie ein Haufen Kuhscheiße“, erwiderte Marietta, während sie die Papiere zusammensammelte und ordentlich versuchte in die Akte zu drücken.

„Klingt nach optimalen Arbeitsbedingungen“, erwiderte Jericho und verließ das Zelt. „Ruft mich, wenn ihr sie schlafen gelegt habt.“

„Kann mal jemand diesem Arschloch Manieren beibringen?“, fragte Marietta in die Runde als Jericho das Zelt verlassen hatte. „Er spricht von den Beiden wie von Fleisch...als wären sie nichts.“

 

Jack betrachtete die junge Frau mit einem milden Lächeln. „Glaub’ mir, er macht sich mehr Gedanken über den Eingriff als es den Anschein macht.“ Er fing fast an zu lachen bei dem ungläubigen Gesicht der jungen Assistentin. 

„Er?“, fragte sie. „Diese Ausgeburt an Arroganz und Inhumanität? Ich wurde in dieser Woche so oft kleingemacht und beleidigt wie noch nie in meinem Leben.“ Jack drückte leicht ihre Schulter. „Geh’ mal alles vorbereiten.“ Er trat an ihr vorbei. „Ach, und er ist, zumindest hier, humaner als manch anderer. In unserer Zivilisation ist er tatsächlich wie ein missmutiger Wilder.“

 

Jack fand Jerry vor einem der Zelte auf einer Holzkiste sitzend. Die Sonne näherte sich langsam dem Horizont. Er konnte sich kaum daran erinnern, wann er das letzte Mal in der Nacht einen Kaiserschnitt durchgeführt hatte. War auch egal.

 

Jericho starrte auf seine Fußspitzen. Er ging im Kopf alles und nichts durch. Eine Mischung aus Leere und Fülle, zwischendrin der Klang eines Kugelhagels aus der Vergangenheit. Gänsehaut breitete sich über seinen Nacken aus. 

„Sei mal etwas netter zu ihr...du verdirbst das junge Ding, bevor sie überhaupt eine richtige Ärztin ist.“ Jack ließ sich neben Jerry auf der Kiste nieder. Er wusste, dass sein Freund Nähe nicht ausstehen konnte, doch zwischen ihnen verhielt sich einiges anders. Jack nahm sich genauso viel heraus wie Jericho ihm gegenüber. Mal eskalierte es in einem lautstarken Streit, mal konnten sie friedlich nebeneinander existieren. 

 

„Sie soll ihren Job machen und gut ist“, erwiderte Jericho und legte den Kopf in den Nacken. Jack sah ihm an der Nasenspitze an, dass er mit seinen inneren Dämonen kämpfte. „Lass gut sein“, gab er zurück und meinte damit den Kampf. Er klopfte dem Chirurgen freundschaftlich auf den Oberschenkel und stand wieder auf. Besser war es. Jericho konnte in jede Richtung kippen; vor dem Eingriff brauchte er jemanden mit einem klaren Verstand an seiner Seite.

 

Obwohl die Nacht unlängst angebrochen war, stand die Hitze erdrückend in dem Zelt. Jericho versuchte den Schweiß weg zu blinzeln, was ihm jedoch kaum gelang. Er bekam nicht mit, dass er unter der ständigen Beobachtung von Jack stand. Ruhig, erstaunlich ruhig für einen Alkoholiker und Ex-Junkie, glitt das Skalpell durch das Fleisch der narkotisierten Frau. Er konnte, wenn er wollte. Er funktionierte. Nein, weit mehr als das. Hier lebte er tatsächlich. Hier lebte er seinen Beruf. Der Schnitt wurde perfekt gesetzt. Sie hatten alle ihre Aversionen gegeneinander vor dem Zelt gelassen. Es ging um weit mehr. Der Mensch konnte, wenn er wollte, zusammenrücken

 

Marietta reichte das nächste Instrument, legte es zielsicher in die ausgestreckte Hand. Alles musste sitzen. Jericho wendete den Blick nicht von dem Schnitt ab und durfte nicht ewig suchen. Von allen Anwesenden spürte er besonders den Fluss zwischen dem gesamten Team. Die wortlose Kommunikation. Auch wenn er voller Härte auftrat, sog er jede unterschwellige Empfindung wie ein Schwamm auf.

 

Trotzdem passierte es. 

Ein Gefäß riss, Blut quoll im entgegen. Sofort waren seine Handschuhe bis an den Rand rot. Er blinzelte. In seinem Kopf spielten sich sofort weiterführende Szenarien ab. Er konnte das Baby schon sehen; musste jedoch erst Mal die Quelle suchen und stillen. Wie durch Watte nahm er die Ansage von Jack und dem Gynäkologen war. Der Eine ratterte den fallenden Blutdruck der Mutter und der Andere den des Babys runter. Jerry hob den Blick und sah in das geweitete Gesicht von Marietta. Die Panik stand ihr auf der Stirn geschrieben. Sie fokussierte die eisblauen Augen und wusste nicht wie, doch mit einem Schlag sah sie plötzlich klar, denn sie fühlte so etwas wie Zuversicht. Keine Panik, schien er ihr sagen zu wollen, forderte das nötige Instrument mit einer einzigen Bewegung seiner Finger. 

 

Jericho bekam Gänsehaut, während Jack aufhörte die Werte durchzugeben und auch dem Gynäkologen bedeutete ruhig zu sein. Es wäre jetzt nicht dienlich dem Blonden klar zu machen, dass er sich beeilen sollte, wenn sie beide retten wollten. 

 

Schweißperlen rannen ihm über die Stirn. Die Hitze schien ihn verbrennen zu wollen. Auch nicht als die Blutung langsam weniger wurde, schien Jerry durchzuatmen. Hochkonzentriert hatte er sich mit Marietta auf eine Ebene eingeschwungen. Flüssig reichte sie ihm das Geforderte. Assistierte in einer unaussprechlichen Perfektion. Sie wirkten wie aus einem Guss. Jack schloss inzwischen eine Transfusion an; präparierte aufbauende Infusionen, denn das würde die Mutter definitiv brauchen. 

 

Plötzlich hörte es auf zu bluten. Jericho tastete sich mit den Fingern weiter vor. Marietta sah es nur für Millisekunden wie die sonst so leeren Augen funkelten, sich weiteten und beinahe sanft schauten. Jerry griff hinein, spürte zwischen seinen Fingern ein dünnes Ärmchen, schob sie daran vorbei so weit er kam und legte sie hinter das Köpfchen. Irgendwie hob er das Baby aus dem Bauch seiner Mutter, verharrte nur Sekunden mit dem verschmierten Geschöpf der Schöpfung in seinen Armen, um es anschließend an die bereitstehende Hebamme zu überreichen. 

 

Marietta merkte es erst, als sie wieder Luft holte, dass sie den Atem angehalten hatte.

Sie reichte Jericho die Zange um die Nabelschnur zu durchtrennen, doch der Chirurg hielt ihr diese hin. Zitternd nahm Marietta diese, durchtrennte die Nabelschnur und atmete tief aus. Er konnte also wirklich nicht so ein Arschloch sein.

 

„Schlaf nicht ein...oder willst du die Mutter so liegen lassen“, kam es knurrig von dem Schweizer und Marietta fühlte sich wie aus einem Traum gerissen. Sie warf wieder einen Blick auf Jerry, der konzentrierte nähte. Seine Augen funkelten noch immer; vielleicht etwas matter, doch da war noch ein leichtes Glänzen zu sehen. Und alle zuckten gemeinschaftlich zusammen als der etwas gequälte Schrei des Babys aus dem Hintergrund an ihre Ohren drang. Marietta lachte erleichtert auf, während lediglich Jack das seichte Lächeln unter dem Mundschutz seines Freundes erkennen konnte. 

 

„Wollen wir uns noch zusammensetzen?“, fragte Marietta in die Runde hinein. Sie bekam breite Zustimmung. Nach solch einem Eingriff brauchte es auf jeden Fall jemanden mit dem man darüber sprechen konnte. 

Die Assistentin warf einen Blick auf Jericho. „Therapiegespräch?“, fragte er missmutig. „Solange ihr mich damit in Ruhe lasst.“ 

„Jericho…!“

 

Die kalten Augen schienen mit einem Schlag noch kälter als sowieso schon, geworden zu sein. Er durchbohrte Marietta regelrecht mit seinem Blick. „Glaub’ mir, nur, weil ich da drin nett zu dir war, weil ich eine zickige Furie als Assistenz nicht gebrauchen kann, heißt es nicht, dass ich erpicht darauf bin, deine Anwesenheit länger als nötig ertragen zu müssen.“

 

Und mit diesen Worten verließ der Chirurg das Zelt und trat in die Dunkelheit. Jack seufzte leise. Er legte seinen Arm um Marietta, die mit einem Schlag leichenblass geworden war. Sie kämpfte mit sich. 

 

„Lass ihn einfach...“, gab er ihr den Rat. „Er funktioniert, wenn er muss...sonst eben nicht.“ Er sah auf die junge Assistenzärztin hinab. „Du hast einen großartigen Job gemacht und das hat er dir mit diesen Worten auch gesagt...durch ganz viele Dornensträucher hindurch.“ 

Als er ihren Blick sah, nickt er. „Ja, das dauert...es dauert bis man ihn versteht und zu ihm durchdringt...es dauert viele Leben und viele Tode. Ich kann es bis heute nicht.“ 

Er stieß mit ihr an. „Du hast aber gesehen, dass dahinter noch was Anderes schlummert. Wenn du wieder auf ihn triffst, versuche daran zu denken. Jeder hat seinen Grund, warum er so ist wie er ist und... naja, wenn auch vieles wie eine persönliche Verletzung daherkommt, ist es eigentlich nur der Selbstschutz vor den eigenen Dämonen.“

 

 

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